Brahms in Wien

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Wahlheimat Wien

Der Tod seiner Mutter, von dem er 1865 erfuhr, traf Brahms sehr tief. Er versuchte diesen Verlust durch die Wiederaufnahme der Pläne für das Deutsche Requiem zu verarbeiten. Nach dem Tod seiner Mutter und der Neuheirat seines Vaters hielt ihn nichts mehr in Hamburg, so dass er seinen ständigen Wohnsitz in die Kaiserstadt Wien verlegte. In dieser Zeit wurde er immer verschlossener, da sich der ewige Wunsch nach Familienglück nie verwirklicht hatte.
Als auch noch Julie Schumann, Tochter von Robert und Clara Schumann und eine heimliche Liebe von Brahms, einen italienischen Grafen heiratete, schrieb Brahms seine "Alt-Rhapsodie" op.53, in die er alle momentanen Gefühle mit einfliessen ließ. Er verwendete dabei die Worte aus Goethes Harzreise "Aber abseits, wer ist's". Inhaltlich geht es um das tragische Schicksal eines in Verzweiflung über den Glauben und die Menschheit geratenen Menschen. Er nannte das Stück ironischerweise "Brautgesang", bezeichnete sich selbst als "Abseiter" und damit als einsamen Menschen.

Als ernster Patriotist verfolgte Brahms, enttäuscht über die 48er Revolution und ein uneiniges Deutschland, sehr aufmerksam Bismarcks Einigungsprozeß aus der Ferne. Über das Gewinnen von Schleswig-Holstein war der gebürtige Norddeutsche besonders erfreut, was sich in voller Begeisterung über das 1871 in Versailles ausgerufene geeinte Deutschland in der Komposition des Triumphliedes niederschlägt. Ungefähr zeitgleich und wohl auch unter dem Eindruck des Krieges entstand das "Schicksalslied für Bariton Chor und Orchester" op.54.

Karikatuer über den Künstler auf den Weg in das Stammlokal "Zum Roten Igel"

Ab 1872 ist Brahms künstlerischer Leiter der Konzerte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Zweieinhalb Jahre ging Brahms dieser Aufgabe pflicht- und verantwortungsbewusst nach. Er präsentierte den Wienern unter anderem erneut die Musik von Bach und Händel, allerdings unter Betrachtung eines Romantikers- in Abstufung der Dynamik. Er war als Dirigent durch seine Interpretation alter aber auch eigener Werke wie den Haydnvariationen beliebt. Johannes Brahms wurde zu einem der bedeutendsten Musiker seiner Zeit und er erhielt Ehrungen unterschiedlicher Art , zum Beispiel den bayrische Maximillianorden und den österreichische Leopoldsorden. Doch er legte aus den gleichen Gründen wie bei der Leitung des Chorvereins das Amt nieder, völlig erfüllt von seinen Schaffensdrang. Trotzdem hegte er immer noch den Wunsch nach bürgerlicher Sicherheit. Und es gab genug Angebote, die er hätte wahrnehmen können. Die Stellung eines Musikdirektors 1879 in Düsselsdorf , Direktor des Konservatoriums und Konzertvereins 1884 in Köln und sogar das Amt des Thomaskantors zu Leipzig sind ihm zugetragen worden. 1873-75 entstanden viele Werke, jedoch vorrangig für Streichquartett, einem Metier, an das sich Brahms auch nur langsam und mit der üblichen Strenge gegen sich selbst annäherte. Nach fast 20jähriger Arbeit wurde 1876 seine erste Sinfonie in Karlsruhe uraufgeführt. Sie hatte riesigen Erfolg. Der Freund Hans von Bülow bezeichnete sie knapp als die "Zehnte" von Beethoven auf Grund ihres Ausmaßes. Dies bewirkte in Brahms ein großes Glücksgefühl und förderte sein Schaffensdrang, so dass in den folgenden Jahren noch drei weitere Sinfonien entstanden. Auch im Bereich der Lieder (op.69-72) und Motetten (op.74) wurde Brahms wieder verstärkt tätig.

Brahms unternahm nun Reisen nach Rom, Neapel, Venedig und Sizilien. Auf diesen Reisen schuf Brahms eine Vielzahl von Werken, wie das Violinenkonzert op.77 Joseph Joachim gewidmet oder die Violinensonate G-Dur op.78, sowie die Lieder aus op.85 und 86. Er unternahm auch Reisen nach Osteuropa, wo er schon in St. Petersburg, Preßburg (heute Bratislava), Prag als auch in Polen und Galizien bekannt war. Hier traf er auf Antonin Dvorak, dem er bereits zu einem Wiener Stipendium verholfen hatte und nun an seinen Verleger Simrock vermittelte. 1880 erhielt Brahms die Ehrendoktorwürde der Universität Breßlau. Als Auftragswerk diese Anlasses entstand die "Akademische Festouvertüre" op.80. Dabei verarbeitete er alle Errinnerungen an seinen Göttinger Studentensommer bei Joachim.

1882 war Hans von Bülow Hofkapellmeister in Meiningen. Durch die Zusammenarbeit mit seinem Orchester kam es zu einer gemeinsamen Konzertreise und zur Aufführung der dritten Sinfonie. Dem musikfreundlichen Herzog Georg dem Zweiten, widmete Brahms den "Gesang des Parzen".

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Ruhigere Jahre

In den Sommern der Jahre 1886-88 fuhr Brahms regelmäßig nach Ischl. Diese Stadt regte ihn in seinem kompositorischen Schaffen an. Wieder rückte Kammermusik, die eigentlich sein Leben lang Brahms' Hauptwirkungsfeld war, in den Vordergrund: die dritte Violinensonate op.100 und das dritte Klaviertrio op.101 entstanden -um nur zwei zu nennen. Diese Aufenthalte hatten auch zur Folge, dass der mürrische, verschlossene Brahms immer aufgeschlossener und gütiger wurde. 1889 erhielt er die Ehrenbürgerurkunde der freien und Hansestadt Hamburg.
Als sein persönliches Meisterstück sah er das zweite Streichquintett G-Dur op.111 an, welches ebenfalls in Ischl entstand. Im ersten Satz stellte Brahms die italienische Sonne dar und im folgenden Adagio-Satz traten die für ihn bedeutsamen Bratschen ni den Vordergrund. Das übliche leichte Scherzo führt in ein Finale mit den vielgeliebten ungarischen Themen. In seiner letzten Schaffensperiode entstanden das Klarinettentrio op.114, das Klarinettenquintetten op.115, sowie die Klarinettensonaten op.120. Ebenfalls wurde auch das Klavier mit 20 Stücken unter den Werkzahlen 116-119 bedacht. Am Ende wie am Anfang seines Schaffens stand aber die Bekenntnis zum Volkslied. Brahms sah es als Wurzel aller musikalischer Kunst instrumentaler und vokaler Art an. "Sieben Hefte deutscher Volkslieder" ließ der alte Meister 1894 erscheinen. "Mit so viel Liebe, ja Verliebtheit habe ich noch nie etwas zusammengeschrieben."
Der Tod Clara Schumanns 20.5.1896 war der letztendliche Auslöser für das Herausbringen der "Vier ernste Gesänge" op.121. Die ersten Drei handeln von Not und Unrecht der Verfolgten und Leidenden, welche im Gegensatz zum vierten Gesang stehen, der einen Textauszug des Korintherbriefs des Paulus mit dem Bekenntnis zur "Liebe als dem Größten" beinhaltet. Als letztes Gesamtwerk von Brahms gelten die elf Choralvorspiele op.122.
Brahms erkrankt an einem tückischen Leberkrebsleiden und stirbt am 3.4.1897 in seiner Wohnung in der Karlsgasse 4 in Wien. Dem Leichenzug zum Wiener Zentralfriedhof, auf dem er unweit Beethovens und Schuberts begraben wurde, folgten nahmhafte Verteter aus In- und Ausland, sowie eine nicht übersehbare Menschenmasse. "In der ganzen unzähligen Menschenmenge hätten Sie kein neugieriges, kein gleichgültiges Gesicht gesehen, auf jedem nur die innigste Teilnahme und Liebe."

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Prof. Dr.Hanslick über Brahms

Musikwissenschaftler und gefürchtetster Musikkritiker in Wien,schrieb in seiner Autobiographie über Brahms:
"Als Brahms nach Wien kam, waren seine Kompositionen nur einer kleinen Gemeinde bekannt; das große Publikum kannte ihn nur aus Schumanns prophetischer Empfehlung. Seine ersten Klavierstücke hatten mich durch ihre geniale Kühnheit und harmonische Kunst in hohem Grade interessiert- aber doch mehr interessiert als befreidigt. Ein junger Herkules am Scheideweg. Wird er sich nach links zur äußersten Romantik schlagen, zur grenzen- und fessellosen Musik- oder nach rechts auf die Bahn unserer Klassiker? Er hat das letztere gewählt, und nachdem er (1862) seine Händel-Variationen, sein g-Moll-Klavierquartett, sein B-Dur-Sextett uns vorgeführt, da gab es keinen Zweifel mehr, dass in Brahms nicht erst eine vielversprechende Genialität, sondern ein Meister im edelsten Sinne des Wortes uns geschenkt war. Ein Meister, welcher eigenartigen, modernen Inhalt in In klassischer Form zu gestalten wußte. Nebenbei ein Klaviervirtuose im großen Stil, dessen männlicher, geistvoller Vortrag sich frei über einer riesigen Technik erhebt. Als wir abends sein B-Dur-Sextett hörten, nachdem mittags Wagner verschiedene ,, Nibelungen"- und ,,Tristan"- Fragmente aufgeführt hatte, da glaubten wir uns plötzlich in eine reine Welt der Schönheit versetzt - es klang wie eine Erlösung. So verschieden wie ihre Musik, so ganz anders war auch das persönliche Auftreten der beiden Männer. Mit fast linkischer Bescheidenheit näherte sich Brahms dem Klavier oder Dirigentenpult; nur ungern und zaghaft folgte er den stürmischen Hervorrufen und konnte gar nicht schnell genug wieder verschwinden, während Wagner jeden Anlaß benutzt zu seinen berühmten Anreden an das Publikum. Brahms sprach wenig, und nie über sich selbst; es kostete ihn keine Überwindung, jedem Talent und redlichem Streben Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Unablässig unterstützte er mit Wort und Tat begabte junge Komponisten in ihren dornigen Anfängen. Oft hörte ich ihn eifrig für Wagner eintreten, wenn Borniertheit oder dummdreiste Überhebung sich in verächtliche Schmähung gegen jenen gefiel. Er kannte und anerkannte vollständig die glänzenden Seiten Wagners, während dieser nur geringschätzig von Brahms sprach, dessen Bedeutung darin bestehe, "keinen Effekt machen zu wollen".

Ich halte Brahms für einen aufrichtigen Freund. Aber als eine anschmiegsame, mitteilungsbedürftige Natur darf man ihn sich beileibe nicht denken. Während aus seiner Musik die glühende Phantasie, das tiefe, innige Gefühl des Komponisten zu uns spricht, erkennen wir im persönlichen Umgang die Herrschaft des scharfen, klaren Verstandes, den bis zum Eigensinn unbeugsamen Willen als das bestimmende Element seinen Wesens. Brahms ist ein fest auf sich selbst fußender Charakter, der, von Unzähligen verehrt und geliebt, mit vielen freundschaftlich verkehrend, doch keinen nötig haben zu scheint für sein Herzensbedürfnis. Das Herbe, Zurückhalten, manchmal abweisend Schroffe seiner nordischen Natur hat sich unter dem Blütenhauch der österreichischen Landschaft und Umgebung, in der Sonnenwärme von Glück und Ruhm sehr gemildert, aber doch nicht ganz verzogen. Kleine Rücksichtslosigkeiten, die ihm in guter oder schlimmer Laune passieren, nimmt keiner übel, der Brahms näher kennt. Erscheinen sie doch immer in humoristischem Gewand. Nicht schlecht erfunden ist die Anekdote, Brahms habe sich einmal nach einem Soirée mit den Worten empfohlen:, Ich bitte um Entschuldigung, falls ich heute niemanden beleidigt haben sollte.'... Erstaunlich ist seine Kenntnis der musikalischen Literatur. Heute ist's eine Kantate von Heinrich Schütz oder Bach, die vor ihm aufgeschlagen liegt, morgen eine Oper von Boieldieu oder Spontini, wieder einmal eine Haydnsche oder Mozartsche Sinfonie, hierauf eine Suite von Dvorak oder Goldmark. Brahms kennt geradezu alles. Am wenigsten liegt ihm Opernmusik am Herzen. ,Du weißt, ich verstehe nichts vom Theater', pflegte er zu sagen, wenn er schon nach dem ersten Akt einer neuen Oper, die ich mit Interesse anhöre, Reißaus nimmt. Von den modernen Opern schätzt er vor allem ,Carmen' und achtet Bizet als großes Talent. In der Bücherwelt er ist fast ebenso zu Hause. Seine Büchersammlung, so groß sie ist, enthält durchaus Werke, die er genau kennt. Was, außer den Schöpfungen der Poesie, die Lieblingslektüre Brahms' bildet, sind historische Werke. In Ischl fand ich ihn angelegentlich beschäftigt mit der Geschichte des neuen Deutschen Reiches von Sybel, mit der von Menzel illustrierten Geschichte Friedrich des Großen, mit den historischen und kunstgeschichtlichen Abhandlungen Schacks. Er liest viel und schnell, mit dem selben Adlerblick, der sein Partiturlesen auszeichnet."

Brahms, wie Wien ihn kannte

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